Ignoranz als Schlüssel

Heute morgen war ich schwimmen.
6.00, Nebel, die Sonne kommt langsam hoch und ich tauche unter.
Versuche, die Gedanken aus meinem Kopf zu spülen, die sich da anfühlen wie Kieselsteine in einem sich drehenden Betonmischer.
Der nächste Kieselstein ist schon mal der Gedanke, was für einen unheimlichen Luxus ich hier grad praktiziere.
Also, mit Betonmischer im Kopf weiter schwimmen.
Wenigstens ist es so kalt, dass die Kälte den Wust an Gedanken etwas auseinander treibt.

Das nächste, was mir einfällt ist das Wort Apokalypse.
Dieses Wort auf unsere Zeit anzuwenden ist, wie wenn man sich selbst in ohnmächtiger Wut den Hals abschnürt. Einerseits absurd und fast lächerlich, andererseits desktruktiv und gefährlich.
Vielleicht aber auch nur knallhart realistisch.

Menschen mit christlichem Backround kennen es aus dem letzten Kapitel des Buches, dass ihnen wichtig ist. Dort wird das definitive Ende in aller Schrecklichkeit ausgemalt, als finales Gericht, dem sich keiner entziehen kann.

Und hier bekomme ich die nächste Ladung Kieselsteine in den Mischer.
Denn, sich so etwas in weiter Zukunft vorzustellen, immer mit der Option, nicht dabei zu sein, ist etwas ganz anderes als das Gefühl, was ich seit Wochen habe und mit vielen im Gespräch geteilt, nämlich, dass ich gerade mittendrin stecke in diesem finalen Schlamassel.

Meine Wahrnehmung der aktuellen Krise ist, dass sie sich über weite Strecken als Gordischer Knoten darstellt, mit täglich neuen Meldungen eines sich auflösenden Gesellschaftsvertrages, einer versagenden Ethik, einer Völkerverständigung mit galoppierender Schwindsucht.

Wie kann es gelingen, dass genau diese Wahrnehmung mich nicht in die Agonie treibt?

Wenn man den Versuch unternimmt, die aktuelle Lage unter größtmöglicher Komprimierung darzustellen, dann erscheint für mich als Kardinalfehler die Tatsache, dass es uns nicht gelungen ist, ein System menschlichen Miteinanders zu inszenieren, dass den aktuellen Sachstand verhindert hätte. Mehr noch, wir scheinen auch keine Alternative zu haben.

Wenigstens die, die das bisher vorgaben zu tun und denen wir vertraut, oder auf die wir uns ehrlich gesagt, nur aus Bequemlichkeit verlassen haben.

Alle weltweiten Bewegungen und Netzwerke, in denen Menschen guten Glaubens, Wissens und Gewissens versuchen, sich diese Alternative nicht nur auszudenken, sondern sie auch anzuwenden, haben die aktuelle Lage nicht verhindert.

Die Polarisation innerhalb der Gesellschaft, die wir jetzt wahrnehmen und die die erste tatsächliche Zerreißprobe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden wird, gibt es global schon seit Jahrzehnten.
Gesellschaften erodieren vor der Haustür Europas seit langem in einem Maße, das uns besseres hätte einfallen müssen als z.B. FRONTEX.

Wir haben, wenigstens große Teile der Gesellschaft und der politisch Verantwortlichen, bisher davor nur die Augen verschlossen.
Damit ist es nun vorbei.
Die tägliche Dosis Absurdität, die wir noch vor einem Jahr in einem guten Feuilleton kompensieren konnten, schlägt uns heute so hart in den Magen, dass wir nach Luft schnappen.

Jeder reagiert auf der Basis dessen, was ihm seine eigne Vita bisher an Möglichkeiten beschert, mit einer solchen Situation umzugehen.
Daran lässt sich wenig ändern, weil wir zum größten Teil einfach nicht in der Lage sind, unsere Fähigkeiten entsprechend den Anforderungen so schnell auszubauen, dass dabei eine wirklich konstruktive Aktion heraus käme.

So macht es auch wenig Sinn, sich in den Foren ewig gegenseitig die Standpunkte madig zu machen und sich letztens im Dickicht einer unfruchtbaren Diskussion zu verlaufen.

Akzeptieren wir einfach:
Ja, unsere Gesellschaft polarisiert sich gerade radikal.
Ja, es gibt derzeit kein tragendes Konzept für die Krise, die dabei ist, alle Bereiche unserer Gesellschaft zu erfassen.
Ja, wir kommen in allen Bereichen dieser Gesellschaft um Veränderung nicht mehr herum.
Ja, jeden Tag verabschiedet sich neu eine alte Sicherheit, ohne die wir glauben, nicht leben zu können.

So hart das ist und so sehr es uns Angst macht.
Es wirft uns brutal und eindeutig auf uns selbst zurück, schneidet uns die Umwege ab.
Damit werden, in der Krise, der wir nicht entfliehen können, die Kernkräfte unserer Persönlichkeit aktiviert, die hellen wie die dunklen Seiten.
Wir werden uns an einen neuen, härteren Stil gewöhnen und daraus eine neue Form des Miteinander kreieren, die der Situation angemessen ist.

Die derzeitige Welt ist voller Unmöglichkeiten.
Dies wird von den „Guten“ wie den „Bösen“ ignoriert.
Vielleicht ist das der Schlüssel.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok Ablehnen