April 2017: Afara Academic Publishing - Ein Konzept für die Förderung der Wissensökonomien in Afrika und MENA

Die Idee für Afara (auf Yoruba "Brücke") beruht auf der Erfahrung in internationalen Projekten und auf vielen Gesprächen mit AkademikerInnen in Afrika und der MENA Region. Aber auch auf Beobachtungen in der wissenschaftlichen Landschaft in Deutschland! In der Regel nutzen wir hier meistens Publikationen, die aus der Feder renommierter Wissenschaftler stammen, die viel zu wenig Kontakt zur lokalen Forschung haben und damit auch oft keine primären Daten. Es macht ja Sinn, dann von Forschenden aus den Zielländern zu lernen und ihre Forschungsergebnisse zu nutzen. Schon entstand ein Modell! Wir hoffen, dass es irgendwo Anklang findet.

Shakti - Resolute Girls in India! by Sonja Andjelkovic

This article is only available in English.

The NGO Business Makes Sense from Berlin/Germany has successfully initiated the project "Shakti" in November 2016. The project is aiming at empowering girls prone to ill-treatment and sexual assaults in Delhi, India. The project was funded by German philantropist and implemented through the Taek-Won-Do Matrix Academy. A group of initially 10 girls joined a 1 year self-defence, Taek-Won-Do coaching program that will equip them physically and mentally to quickly think and act in an emergency situation. In India, Taekwon-do has been recognised widely and the Taekwon-do Association of India (TAI) is tirelessly working across the country with more than 3000 schools and clubs teaching this martial art to millions of students. Taekwon-do has generated employment and entrepreneurial opportunities for the eligible black belt holders and instructors and contributing to the economic development while making the students mentally and physically fit. After that initial project period Business Makes Sense and the Matrix Academy would therefore like to extend the training to more participants as well as start training of trainers so that a group of girls can become instructors and entrepreneurs in the area of martial arts.

How did the idea come about? I came up with the idea to support vulnerable girls to defend themselves when I met Karthik in Delhi. Karthik is a black belt holder in Taek-Won-Do and well aware of the situation girls in India are facing. He agreed to design a project concept based on my idea and he even developed it further by including a second phase which would provide the target group of the project with an income opportunity. An excellent idea as it reflects the aim of Business Makes Sense - Support social business! After the concept note and the budget were submitted to Business Makes Sense, the cooperation agreement was signed and other NGO governance requirements were met, the board approved of the project and started fundraising. Within no time we managed to pull together 2200 EUR, enough to train a group of 10 for 1 year. The Matrix Academy approached the Government of Delhi with a formal request for obtaining permission to start the project, which was approved shortly after the request. So the project started on November 17, 2016! Here is a paragraph from the first report we received: "It was a fulfilling exercise to commence the project and witness the enthusiasm of the girls. While interacting with them we learned that they are coming from a village near the school and that they help their parents in the fields, rear cows, buffaloes and do the household chores after getting back home every day. They are highly motivated to go through the full course and obtain the 1.Dan black belt and become instructures in the next three years."

I was thrilled when I read these lines! And I am really happy to see the resolute faces of the young ladies! We at Business Makes Sense will keep supporting and fundraising for this project and hopefully it will grow and extend beyond Delhi.

Unsere Politik trägt zu Krisen und Armut bei

Zu diesen Beiträgen möchte ich mich äußern nicht nur weil ich selbst ein „Eingewanderter“ bin, sondern auch weil ich seit 1975 (bis heute, auch im „Ruhestand“) in der Entwicklungszusammenarbeit tätig bin. Den Ausführungen von Michael Lübbers kann ich weitgehend zustimmen, insbesondere was seine Empfehlungen an die SPD betrifft. Mir liegt aber daran, einen Aspekt der „Fluchtursachen“ ansprechen, der in der Diskussion kaum beachtet wird, nämlich die externen Fluchtursachen.

Die entwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion Bärbel Kofler spricht, wie die meisten Politikerinnen und Politiker, die sich zum Themenkreis „Einwanderung“, „Flucht“ etc. äußern, von der Bekämpfung der „Fluchtursachen in den Herkunftsländern“. Die gesamte Entwicklungszusammenarbeit (EZ, früher „Entwicklungshilfe“) zielte darauf ab, zur „nachhaltigen Entwicklung“ in den Partnerländern in allen relevanten Bereichen wie Bildung, Erziehung, Berufsbildung, Landwirtschaft, Gesundheit, Infrastruktur, Wasserversorgung etc. beizutragen. Das ist praktisch eine präventive Bekämpfung von Krisen, Armut und Hunger und damit eine präventive Bekämpfung von „Fluchtursachen“, die heute Hunderttausende zur Flucht aus ihren Heimatländern bewegen.

Warum hat das in vielen Regionen nicht funktioniert? Zugegeben: Dafür gab und gibt es viele interne Ursachen in den Partnerländern selbst wie autoritäre Systeme, Korruption, Vetternwirtschaft, fehlende demokratische Strukturen, mangelnde Teilhabe und Mitwirkung der Zivilgesellschaft etc. Diese Ursachen sollen nicht kleingeredet werden. Die EZ kann weiterhin versuchen, die Partnerländer zu unterstützen, diese Entwicklungshemmnisse zu überwinden, natürlich wenn gewisse Voraussetzungen (unabdingbar: der Wille der Herrschenden!) erfüllt sind.

Die Entwicklung in den Ländern der Dritten Welt wird aber weitgehend von externen Faktoren außerhalb der Länder selbst beeinflusst, insbesondere von der Politik und den Interessen der reichen, mächtigen demokratischen Länder und ihrer mächtigen multinationalen Konzerne (einschließlich der Bundesrepublik Deutschland bzw. EU). Beispiele:

  • Außenpolitik: Unterstützung von Diktaturen, Waffenlieferungen, militärische Interventionen in Afghanistan, Irak …), wenn es den eigenen Interessen dient.
  • Handels- und Landwirtschaftspolitik: „Export-Weltmeisterschaft“ – inkl. Waffenexporte –. Die westlichen Staaten und ihre multinationalen Großkonzerne bewirken den Export von billigem Fleisch, Mais u.ä., der zur Zerstörung der Lebensgrundlagen von vielen Viehzüchtern und Kleinbauern insbesondere in Afrika führt. Durch die „Macht des Marktes“ – d.h. die Produktion richtet sich auf die „kaufkräftige Nachfrage“ der Kunden der nördlichen Halbkugel – entstehen im „Süden“ Monokulturen, und dann erfolgt ein enormer Druck auf die Preise (z.B. Südfrüchte, Kaffee, Kakao, Schnittblumen etc.) mit der Folge, dass kleinbäuerliche Strukturen verschwinden, die Produktion von lebensnotwendigen Produkten für die Bevölkerung zurückgeht. Millionen von kleinbäuerlichen Familien wandern in die Slums der Großstädte usw. usw.
  • Weitere Ursachen wie Landgrabbing, Marktmacht von Monsanto u. Co, internationale Spekulation mit Lebensmitteln usw. Der Platz für einen Leserbrief reicht leider nicht aus, diese Zusammenhänge auszuführen.
  • Daher nur noch der Hinweis auf unseren 200-jährigen CO2-Ausstoß (unser Beitrag zum Klimawandel) und zur Überfischung der Ozeane.

Zusammenfassend: Unsere Außen- und Wirtschaftspolitik, unser neoliberales, wachstumsorientiertes, auf Wettbewerb basiertes, von multinationalen Großkonzernen und der Finanzindustrie beherrschtes Wirtschaftssystem, unser dem Wirtschaftswachstum dienender, verschwenderischer (in Deutschland vernichten wir jährlich 16 Millionen Tonnen Lebensmittel!) und ausbeuterischer (Billigprodukte aus Asien und Afrika) Lebensstil sowie unsere militärischen Interventionen usw. leisten wesentliche Beiträge zur Entstehung von Krisen, Armut, Perspektivlosigkeit und Umweltzerstörung in vielen Teilen der Welt.

Wie kann die Entwicklungszusammenarbeit diese Fluchtursachen bekämpfen, wie Bärbel Kofler vorschlägt? Wie kann Entwicklungszusammenarbeit diese Wirkungen kompensieren? Müssen wir nicht sofort und ernsthaft den Zusammenhang zwischen unserem kapitalistischen, neoliberalen Wirtschaftssystem und den „Flüchtlingswellen“ untersuchen? Müssen wir nicht sofort in allen Industrieländern unsere Beiträge zur entstandenen Situation gründlich analysieren und entsprechende Korrekturen vornehmen? Wie können die westlichen Länder die Aufnahme von „Wirtschaftsflüchtlingen“ / „Armutsflüchtlingen“ kategorisch ablehnen, wenn sie selbst zu ihrer Armut mit beigetragen haben, genau so wie sie auch zur Entstehung von Flucht zumindest aus Afghanistan und dem Irak durch militärische Angriffe beigetragen haben?

Der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer sagt in seinem FR-Interview (FR 8. /9. August 2015) zum Flucht- und Zuwanderungskomplex: „Es sind die Weltprobleme einer rücksichtslosen, neoliberalen Ausbeutung des Planeten durch die, die die Macht haben, ihn auszubeuten“.

von Yousif S. Toma

Ignoranz als Schlüssel

Heute morgen war ich schwimmen.
6.00, Nebel, die Sonne kommt langsam hoch und ich tauche unter.
Versuche, die Gedanken aus meinem Kopf zu spülen, die sich da anfühlen wie Kieselsteine in einem sich drehenden Betonmischer.
Der nächste Kieselstein ist schon mal der Gedanke, was für einen unheimlichen Luxus ich hier grad praktiziere.
Also, mit Betonmischer im Kopf weiter schwimmen.
Wenigstens ist es so kalt, dass die Kälte den Wust an Gedanken etwas auseinander treibt.

Das nächste, was mir einfällt ist das Wort Apokalypse.
Dieses Wort auf unsere Zeit anzuwenden ist, wie wenn man sich selbst in ohnmächtiger Wut den Hals abschnürt. Einerseits absurd und fast lächerlich, andererseits desktruktiv und gefährlich.
Vielleicht aber auch nur knallhart realistisch.

Menschen mit christlichem Backround kennen es aus dem letzten Kapitel des Buches, dass ihnen wichtig ist. Dort wird das definitive Ende in aller Schrecklichkeit ausgemalt, als finales Gericht, dem sich keiner entziehen kann.

Und hier bekomme ich die nächste Ladung Kieselsteine in den Mischer.
Denn, sich so etwas in weiter Zukunft vorzustellen, immer mit der Option, nicht dabei zu sein, ist etwas ganz anderes als das Gefühl, was ich seit Wochen habe und mit vielen im Gespräch geteilt, nämlich, dass ich gerade mittendrin stecke in diesem finalen Schlamassel.

Meine Wahrnehmung der aktuellen Krise ist, dass sie sich über weite Strecken als Gordischer Knoten darstellt, mit täglich neuen Meldungen eines sich auflösenden Gesellschaftsvertrages, einer versagenden Ethik, einer Völkerverständigung mit galoppierender Schwindsucht.

Wie kann es gelingen, dass genau diese Wahrnehmung mich nicht in die Agonie treibt?

Wenn man den Versuch unternimmt, die aktuelle Lage unter größtmöglicher Komprimierung darzustellen, dann erscheint für mich als Kardinalfehler die Tatsache, dass es uns nicht gelungen ist, ein System menschlichen Miteinanders zu inszenieren, dass den aktuellen Sachstand verhindert hätte. Mehr noch, wir scheinen auch keine Alternative zu haben.

Wenigstens die, die das bisher vorgaben zu tun und denen wir vertraut, oder auf die wir uns ehrlich gesagt, nur aus Bequemlichkeit verlassen haben.

Alle weltweiten Bewegungen und Netzwerke, in denen Menschen guten Glaubens, Wissens und Gewissens versuchen, sich diese Alternative nicht nur auszudenken, sondern sie auch anzuwenden, haben die aktuelle Lage nicht verhindert.

Die Polarisation innerhalb der Gesellschaft, die wir jetzt wahrnehmen und die die erste tatsächliche Zerreißprobe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs werden wird, gibt es global schon seit Jahrzehnten.
Gesellschaften erodieren vor der Haustür Europas seit langem in einem Maße, das uns besseres hätte einfallen müssen als z.B. FRONTEX.

Wir haben, wenigstens große Teile der Gesellschaft und der politisch Verantwortlichen, bisher davor nur die Augen verschlossen.
Damit ist es nun vorbei.
Die tägliche Dosis Absurdität, die wir noch vor einem Jahr in einem guten Feuilleton kompensieren konnten, schlägt uns heute so hart in den Magen, dass wir nach Luft schnappen.

Jeder reagiert auf der Basis dessen, was ihm seine eigne Vita bisher an Möglichkeiten beschert, mit einer solchen Situation umzugehen.
Daran lässt sich wenig ändern, weil wir zum größten Teil einfach nicht in der Lage sind, unsere Fähigkeiten entsprechend den Anforderungen so schnell auszubauen, dass dabei eine wirklich konstruktive Aktion heraus käme.

So macht es auch wenig Sinn, sich in den Foren ewig gegenseitig die Standpunkte madig zu machen und sich letztens im Dickicht einer unfruchtbaren Diskussion zu verlaufen.

Akzeptieren wir einfach:
Ja, unsere Gesellschaft polarisiert sich gerade radikal.
Ja, es gibt derzeit kein tragendes Konzept für die Krise, die dabei ist, alle Bereiche unserer Gesellschaft zu erfassen.
Ja, wir kommen in allen Bereichen dieser Gesellschaft um Veränderung nicht mehr herum.
Ja, jeden Tag verabschiedet sich neu eine alte Sicherheit, ohne die wir glauben, nicht leben zu können.

So hart das ist und so sehr es uns Angst macht.
Es wirft uns brutal und eindeutig auf uns selbst zurück, schneidet uns die Umwege ab.
Damit werden, in der Krise, der wir nicht entfliehen können, die Kernkräfte unserer Persönlichkeit aktiviert, die hellen wie die dunklen Seiten.
Wir werden uns an einen neuen, härteren Stil gewöhnen und daraus eine neue Form des Miteinander kreieren, die der Situation angemessen ist.

Die derzeitige Welt ist voller Unmöglichkeiten.
Dies wird von den „Guten“ wie den „Bösen“ ignoriert.
Vielleicht ist das der Schlüssel.

Deutschland braucht Entwicklungshilfe aus Afrika – Ein Bericht aus dem Sudan

Von meinem 12. Stock im Hotel Corinthia in Khartoum schaue ich auf die grau-braune Tristesse der Stadt. Es regnet. Das bedeutet Chaos auf den Straßen, Schlammlawinen und unbefahrbare Brücken. Menschen kommen nur im Schneckentempo vorwärts. Manchmal dauert es 2,5 Stunden von einem Bezirk zum anderen bei den Wetterverhältnissen. Der heutige Arbeitstag sollte mit allen Teilnehmenden meines Trainings um 9 beginnen, aber die Wenigstens hatten es pünktlich geschafft.

Das gab mir die Zeit, wie immer einen Blick auf die heutigen Schreckensmeldungen in den online Medien zu werfen. Natürlich dominiert ein Thema alles: Die Flüchtlingskrise. Meine Stimmung sinkt. Ich grüble und schaue verzweifelt drein. Mittlerweile hat sich die Empathie für das Leiden der Flüchtlinge schon zu einer unerträglichen Melange aus Wut und Verzweiflung in mir entwickelt, so stark, dass ich mich deren Sog kaum noch entziehen kann. Während ich also mit einem von ununterdrückbarer Schwermut gezeichnetem Gesicht und wartend auf die fehlenden Teilnehmer in meinen Stuhl sinke, werde ich von einem Geistesblitz nahezu wachgeküsst. ….

Die vier bereits anwesenden Teilnehmenden – alles gestandene Mitarbeiter des Bildungsministeriums– könnte ich doch befragen, was diese dazu meinen, wie die Flüchtlingskrise bewältigt werden kann. Ich hole tief Luft und bitte ganz direkt um Hilfe. Um Rat.

Ich erkläre, dass wir Probleme haben, weil wir eine Menge Flüchtlinge haben, die wir integrieren müssen und wollen und ich mich frage, wie das gehen kann, ohne uns in ein gesellschaftliches und politisches Schleudertrauma zu manövrieren. Ich fasse mir ein Herz und erwähne, dass die meisten Flüchtlinge Muslime sind (die Teilnehmenden sind es auch alle) und dass es ja auch eine uns völlig fremde Religion ist, dass viele Menschen sich fürchten, mit welchen Ansichten die vielen Muslime, mit denen wir womöglich nicht zurecht kommen bei uns ankommen und wie diese zur bestehenden Kultur passen. Andererseits arbeiten wir daran, eine Willkommenskultur zu entwickeln, verfügen aber über keinerlei Erfahrungen, wie mit dieser hohen Anzahl an Menschen in der kurzen Zeit umgegangen werden soll. Ich sage auch ganz ehrlich, dass wir Kräfte in der Gesellschaft haben, die fremdenfeindlich sind, islamophob und chauvinistisch. Dass Flüchtlingsheime brennen. Und das ich das beschämend finde. Ich merke, dass ich befürchte, meine Teilnehmenden könnten abweisend reagieren, da ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe. Ich spüre die aufkeimende Angst, man könnte mich ablehnen in meiner Funktion, in der ich im Sudan bin – als Kommunikationstrainerin.

Aber so kam es nicht.

Es kamen erst einmal Nachfragen: Leben die Flüchtlinge in Flüchtlingscamps. Nein. Was bekommen sie, wenn sie ankommen? Essen, Kleidung, Dach über dem Kopf. Können die Flüchtlinge arbeiten? Nein. AHA! Ruft einer der Teilnehmer. Bei uns dürfen sie das, und zwar sofort. Allerdings als unqualifizierte Arbeiter für wenig Geld, wird ergänzt. Und auch nur Jobs, die Sudanesen nicht machen wollen, setzt einer hinzu. Ja, aber langsam wird es eng, erläutert eine Teilnehmerin, denn auch die Sudanesen müssen Jobs annehmen, die sie nicht wollen, um zu überleben.

Zurück zu Deutschland: Ihr habt doch gar nicht genug Leute, ihr sterbt doch aus! Bemerkt einer der Teilnehmer und sagt im gleichen Atemzug, hier bekommt ihr Menschen, die eure Gesellschaft weitertragen und entwickeln werden. Ich lausche gespannt.

Warum haben die Leute Angst vor Muslimen? Werde ich verständnislos und mit gerunzelter Stirn gefragt. Islam kommt von Salam – Frieden, der Prophet hätte immer Verständnis, Dialog und Einvernehmen gepredigt. Aber wäre es denn nicht eine gute Idee, im Fall der Flüchtlinge gleich anzufangen, interkonfessionellen Religionsunterricht flächendeckend einzuführen? Fragt ein Teilnehmer. Alle anderen nicken verzückt. Was spräche denn dagegen, wenn deutsche Kinder über den Islam und muslimische Kinder über Christentum und andere Religionen lernen würden? Ob wir so etwas schon mal angedacht hätten. Ich erwidere bloß etwas kleinlaut, dass wir Ethik-Unterricht haben und muss feststellen, dass das, was ich über Religionsunterricht in Deutschland weiß, sehr mager ist. So wie mir geht es vielleicht auch anderen, denn eigentlich scheren wir uns nicht wirklich so sehr um Religion. Ich sage das nicht, denn ich antizipiere eine empörte Reaktion, mit einem darauf folgenden betroffenen Schweigen, dass sich in einen Schwall von Mitleid für die Entkoppelung unserer westlichen Kultur von dem Kern des Menschseins entladen würde. Ich entscheide, das Thema zu wechseln, um einem etwaigen Rechtfertigungsdruck zu entgehen. Sonst könnte womöglich die übliche Rhetorik aufkommen, WIR Christen seien doch auch im Recht, dass der Islam unsere Religion komplettieren würde, und dem, was unser Gott uns lehrt nicht widerspricht. Doch was lehrt uns denn unser Gott..? Derartige Diskussionen sind mir immer unangenehm, muss ich doch zugeben, dass ich die Bibel für mich so spannend ist wie ein Bilderbuch ohne Bilder.

Unsere düsteren Vorurteile gegen Muslime fußen gar nicht auf dem, was uns unser kollektives Gedächtnis vorgaukelt: Dem Konflikt zwischen Christen und Muslimen.

Vielmehr ist es das Paradigma des Säkularen, die Vorherrschaft der Ratio vor dem Glauben, die Trennung von Lebenswelten und die Vergötterung der Technik als Ersatz für das Heilige, was uns wesentlich unterscheidet. Also Säkulare vs. Religiöse. Sind wir also erwachsen aus dem „Türken vor Wien Trauma“ und haben jetzt eine Ersatz-Geschichte gefunden, um uns von Muslimen abzugrenzen? Vielleicht die Folgende: Muslime sind rückwärtsgewandt und haben die Reformation noch vor sich. Aber was, wenn ein Araber gar kein Muslim ist?

Es macht eigentlich keinen Unterschied, ob ein Syrer Christ oder Muslim ist. Die Kultur zieht sich bei beiden gleichermaßen wie ein roter Faden durch den Wertekanon. Die Erfahrung habe ich nun mehrmals gemacht in arabischen Ländern. Ich konnte höchstens am Namen erkennen, welcher Religion jemand angehört. Elias z. B. Ist klar – ein Christ. Ahmed – ein Muslim. Aber das Verhalten und die äußere Gestalt gaben mir keinen Hinweis. Sicher gibt es einen Unterschied im gesellschaftlichen Status dieser beiden Religionen in manchen islamisch-geprägten Ländern, um das mal ganz diplomatisch zu sagen. Aber die Werte Familie, Zusammenhalt, Respekt vor den Älteren, Loyalität sind bei beiden dieselben.

Nun wird die Diskussion etwas praktischer: Konflikte ließen sich vermeiden, wenn man die Leute in ihrer jeweiligen Herkunftsgruppe belässt, wenn ihnen Wohnraum zugewiesen wird: Syrer mit Syrern, Iraker mit Irakern, Somalis mit Somalis...so könnte man für jede Gruppe andere und kulturell angepasste Maßnahmen ergreifen. Und sobald die Gruppen dann „bereit“ sind, können sie ihr kulturelles Umfeld verlassen und sich in die deutsche Gemeinschaft trauen. Interessante Idee sage ich, aber wie soll man das organisieren? Kulturelle Unterschiede zu beachten und Konzepte zu entwickeln, welche Maßnahmen wie durchzuführen wären – dafür gibt es keine Anleitung. Und die Deutschen lieben doch Anleitungen und monochrones Vorgehen.. Das passt nicht so ganz in ihre Kultur. Außerdem gäbe es den Aufschrei: Ghettoisierung! Wer weiß, was dann die Zeitungen darüber wieder schreiben würden, welche Parallelen zur deutschen Geschichte dann wieder auftauchen würden und wie die Gegner einer Flüchtlingsintegration dies dann missbrauchen würden – für ihre Zwecke versteht sich. Der Vorschlag ist wohl kaum umsetzbar.

Die Teilnehmenden diskutieren nun emotionaler. Kommen immer wieder zurück zu den heißen Themen in ihrem Land...die Flüchtlinge aus Somalia und Eritrea, der Konflikt in Darfur, der Bürgerkrieg im Süden. Einige machen Witze auf Kosten der Flüchtlinge, besonders da ein Teilnehmer aus Darfur kommt, der offensichtlich nicht ganz unumstritten ist. Besonders zimperlich ist man hierzulande nicht. Einige schauen ebenso düster drein, wie ich die letzten Tage.

Man müsste mit Bildung anfangen – so der allgemeine Konsens. Erstens sollte man alle Lehrer unter den Flüchtlingen identifizieren und diese sofort in ihrem Beruf in Lohn und Brot bringen und die Flüchtlingskinder in den üblichen Fächern unterrichten. Dann muss es Deutschunterricht geben, damit alle so schnell wie möglich eingeschult werden können. Alle, die kein Zeugnis haben aber einen Beruf sollen Zugang zu einer Prüfung bekommen, in der die angegebenen Fähigkeiten nachgewiesen werden können. Danach sollten die Lücken in der Qualifikation auf die Standards in Deutschland angehoben werden, durch eine Großoffensive in der Fort- und Weiterbildung. Dann geht’s in den Jobmarkt. Wenn diese Strategie umgesetzt würde, dann müsste man keine Unterhöhlung des deutschen Arbeitsmarktes fürchten. Und auch keine Herabsetzung der Qualifikationsstandards. Ich bin sehr überrascht von der so klar und deutlich gezeichneten Strategie. Warum nicht eigentlich auch Arabisch in den Schulen anbieten, als 2. Fremdsprache? So können doch erst wirkliche Beziehungen entstehen, wenn man sich austauschen kann und einander besser versteht. Klar ist das alles nicht einfach, aber machbar.

Da sitze ich nun, höre all das und frage mich: Warum haben wir keine Berater aus Afrika? Warum holen wir nicht sudanesische, syrische und somalische Experten nach Deutschland und lassen uns auf Gespräche mit ihnen ein, die uns neue Perspektiven eröffnen? Hören ihren Rat? Bitten um kulturelles Know-how? Warum müssen wir eigentlich alles alleine lösen wollen oder nur im Kreise unserer europäischen Innenminister?

Wer Sitzungen unserer politischen Vertreter kennt wird wissen, dass dort hartnäckig über Positionen verhandelt wird und dass die wahrhaftigen Interessen der Betroffenen, dort keine Stimme haben. Kreativität und vernetztes Denken sind genauso Mangelware. Trotz aller Krisenhaftigkeit werden immer weiter ritualisierte Sitzungen abgehalten, die höchstens bestehende Machtverhältnisse demonstrieren und festigen. Denn hier gewinnt der, der geschickter Regelwerke interpretiert.

Und die Zeit läuft! Täglich ändert sich die Lage. Wir brauchen flexible, schnelle Wege.

Man kann die Probleme nicht lösen mit den selben Mitteln, mit denen man sie geschaffen hat, hat Einstein gesagt. Wir strafen diese Aussage täglich Lügen. Längst hat sich gezeigt, dass die Institutionalisierung unserer Gesellschaft genauso wie der ungebremste Kapitalismus nicht mehr die Erfolge zeigen, die die Probleme unserer jetzigen Zeit lösen könnten. Wir meinen, dass Repräsentanten (die wir angeblich gewählt haben – eine Behauptung über die sich streiten lässt) von Regierungen das „Flüchtlingsproblem“ lösen können. Das ist Nachkriegs-Philosophie, die längst überholt ist.

Warum haben wir im Angesicht dieser Woge von Verzweifelten titanischen Ausmaßes immer noch nicht den Mut, 360 Grad Lösungen zu suchen, sondern vertiefen uns immer mehr in althergebrachte mathematische Ansätze wie Quoten für 200.000 Flüchtlinge? Warum stochern wir immer noch in den Symptomen herum, statt zu erkennen, dass die Ursache unserer derzeitigen globalen Situation vielfältig ist und dass 1 Million Flüchtlinge nur die Spitze des Eisberges sein werden?! Es braucht andere Ansätze, andere Partnerschaften oder wie Gerd Müller, unser Entwicklungsminister sagte, wir müssen mit Afrika als Partner auf Augenhöhe arbeiten, faire Preise für Ressourcen zahlen, die uns unseren Wohlstand ermöglichen. Das wäre auf jeden Fall ein erster Ansatz dämmert es mir. Des Weiteren sollten wir einen Krisenstab mit afrikanischen Vertretern der Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft ins Leben rufen. Dieser könnte gemeinsam mit uns eine Strategie entwerfen, wie wir die Wurzeln unserer Probleme anpacken können. Wir brauchen stärkere Kooperation im großen Stil, um den Arbeitsmarkt in den afrikanischen Ländern und hierzulande zu beleben, Umverteilung von Reichtum über Abgaben auf den Nettoumsatz aller Unternehmen für die Unterstützung der Entwicklung in den afrikanischen Ländern, des weiteren direkte Partnerschaften, Schüler- und Azubiaustausch, berufliche Bildung und Weiterbildung.

Wir müssen wieder improvisieren lernen, statt auf Regeln und Ordnungen zu pochen, die einer überfälligen Revision harren, unserer Intuition folgen, statt sie zu belächeln oder sie als Produktmarketing zu missbrauchen, auch neue Regeln erschaffen, nämlich die, dass es Ausnahmen gibt! Flexibler werden, loslassen und uns verändern statt an Gewohnheiten zu zerbrechen. Wir brauchen eine neue Art des Umgangs mit Angst. Denn sonst frisst sie unsere Seelen auf. Und: Wir müssen verlernen. Der beständige, tiefe Wunsch, dass alles so bleibt wie es ist, dass das ICH vor dem WIR kommt, dass Anhäufung von materiellen Gütern glücklich macht...all das müssen wir verlernen, wenn wir mit der derzeitigen Krise fertig werden wollen. Es fängt also bei jedem Einzelnen an.

Während dieser Gedankenstrom in mir nicht abreißen will, verstummen die Trainings-Teilnehmer, denn wir sprechen bereits seit einer geschlagenen Stunde über Deutschlands Probleme. Die Energie, weiter zu dem Thema zu diskutieren ist verpufft. Einer sagt: Es ist nicht leicht, nein, es ist nicht leicht. Und da - endlich kommen die Anderen an. Hastig und keuchend lassen sie sich nieder und wischen sich eine Mischung von Schweiß und Regentropfen von der Stirn. Nach der langen Anreise zu unserem Trainingsort sollte die Stimmung bei denen auf jeden Fall im Keller sein, befürchte ich. Doch schon nach wenigen Minuten zeigt sich ein Lächeln auf ihren Gesichtern. Man scherzt über die schlechten Straßen und die verdreckten Hosenbeine, klatscht in die Hände. Los geht’s! Erstaunlich wie schnell sich die Sudanesen von negativen Situationen erholen und wie hart sie arbeiten, wenn sie etwas wirklich wollen.

Am Ende des erfolgreichen Trainingstages kehre ich zurück in mein Zimmer. Beeindruckt von dem Verlauf des heutigen Trainings sinniere ich über das Feedback nach, dass ich zum Schluss bekam:

Sie hätten für sich verstanden, dass Kommunikation Herzen aufschließt, dass der Mensch sich immerzu ändert und ändern muss, will er mit anderen zusammenleben, dass Zuhören, Empathie und Verständnis sozialen Frieden herstellen und erhalten kann. Und das sie jetzt sofort damit anfangen werden, das Gelernte umzusetzen. Während sich der Regen wie lange Bindfäden auf mein Fenster legt und die grau-braune Aussicht sich mit den Bächlein auf meinem Fenster zu einem impressionistischen Bild vereint wird mir klar:

Deutschland braucht Entwicklungshilfe. Entwicklungshilfe aus Afrika.

Sonja Andjelkovic

kontakt [AT] business-makes-sense [PUNKT] org

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